Mittelstand: Auf der Digitalisierungswelle surfen, schwimmen oder untergehen


Mittelständische Unternehmen unterschätzen nach wie vor die Konsequenzen der Digitalisierung für ihr eigenes Business. Dies wirkt sich zunehmend auf ihre Wettbewerbsfähigkeit aus. Denn die Welle der Digitalisierung baut sich immer höher auf und sie gewinnt zudem an Geschwindigkeit. In Zukunft geht es nicht mehr lediglich um verpasste Chancen, sondern um den Erhalt der Existenzfähigkeit. Auf der Digitalisierungswelle surfen, schwimmen oder untergehen heißt das neue Credo.

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Digitalisierung hatte im Mittelstand-Marketing bislang keine hohe Priorität. Bis vor gar nicht so langer Zeit galt noch das Argument „Unsere Kunden sind nicht im Internet und schon gar nicht in den Social Media“. Die eigene Website ist bei vielen Mittelständlern in die Jahre gekommen und nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik. Investitionen in die Digitalisierung von marketingorientierten Geschäftsprozessen erfolgten nur zögernd. Dies rächt sich jetzt.

Unzureichende Sichtbarkeit im Internet

Im Web sind viele mittelständische Unternehmen nur eingeschränkt sichtbar. Mittelständler kennen oftmals die Grundregeln der Suchmaschinen-Optimierung (SEO) für das Ranking auf Google nicht oder nur unzureichend. Selbst einfache Möglichkeiten des Eintrags in lokalen Anbieterportalen und Services wie zum Beispiel My Business von Google werden häufig nicht in Anspruch genommen. Dies hat nicht nur Konsequenzen für die Gewinnung von neuen Kunden. Auch für die Recrutierung von neuen Mitarbeitern wirkt sich die unzureichende Sichtbarkeit im Internet zunehmend nachteilig aus.

Zudem wird die Kraft des digitalen Empfehlungsmarketings über Bewertungsportale und Business-Netzwerke ebenso unterschätzt wie der Verlust von Kunden durch die entstehende Preis- und Leistungstransparenz von Angeboten in den Vergleichs- und Bewertungsportalen.

Ferner werden die immensen Möglichkeiten des modernen Content-Marketings für die Generierung von Leads nur selten konsequent genutzt. Obwohl Kunden heute immer zielgerichteter nach relevanten Informationen für ihre Probleme in Netz suchen setzt man nach wie vor auf die Gewinnung von Kunden durch klassische Werbung, den kostenintensiven Außendienst oder das traditionelle Telemarketing. Man sucht also lieber selbst mit einem hohen Aufwand aktiv nach Kunden. Die Effizienz des „gefunden werden“ durch Content im Internet wird von vielen Mittelständlern noch völlig unterschätzt.

Auch bei der Anwendung von Social Media besteht bei vielen Mittelständlern noch ein erheblicher Handlungsbedarf. Verschenkte Chancen der Profilierung im Markt sind die Konsequenz. Denn gerade der Mittelstand kann vom neuen Trend des Social-Local-Mobile-Marketing (SoLoMo) profitieren. Die traditionellen Stärken wie Kundennähe und Flexibilität sind hier Trumpfkarten, die sich online hervorragend ausspielen lassen könnten. Doch man setzt ungeachtet dessen vorzugsweise auf die bekannten Instrumente der Kommunikation.

Nach wie vor dominieren also analog geprägte Geschäftsprozesse das Bild des typischen deutschen Mittelstandes. Doch analoge Geschäftsprozesse werden in Zukunft ein Nischendasein führen. Denn die Welle der Digitalisierung ist nicht mehr aufzuhalten.

Offline und Online vermischen sich

Der digitale Wandel schreitet unaufhaltsam voran. Das zeigt auch ein Blick auf die geänderten Verhaltensweisen zum Beispiel im lokalen Handel. Immer mehr Produkte werden heute online gekauft. Dies gilt mittlerweile selbst für Produkte, die bis vor kurzen noch nicht als onlinefähig galten wie zum Beispiel Optiker-Dienstleistungen. So werden Brillen und Kontaktlinsen heute erfolgreich über das Internet vertrieben. Dabei vermischt sich die Online-Welt zunehmend mit der Offline-Welt indem vom Kunden beispielsweise im lokalen Geschäft online nach günstigeren Alternativen der Wettbewerber recherchiert oder auch online nach den stationären Angeboten eines Anbieters gesucht wird.

Digitalisierung der Beschaffung

Doch nicht nur im B2C sondern auch im B2B gelten die neuen Regeln der Digitalisierung. Denn der Geschäftskunde überträgt seine im Privatleben selbstverständlich gewordenen und digital geprägten Informations- und Einkaufsgewohnheiten zunehmend auch auf Beschaffungsvorgänge in der Geschäftswelt.

Zukunftsorientierte Unternehmen haben sich bereits angepasst. So hat der Montagespezialist Würth beispielsweise seine 30.000 Vertriebsmitarbeiter mit Tablets ausgestattet, damit diese ihre Kunden vor Ort digital beraten können. Auch der E-Commerce setzt sich im B2B durch. Immer mehr B2B-Unternehmen richten mittlerweile professionelle Onlineshop-Konzepte für den Verkauf ihrer Produkte im Internet ein. Denn auch im B2B werden Produkte sowie komplexere Systeme in Zukunft ganz selbstverständlich digital vertrieben.

Geschwindigkeit der Digitalisierung nimmt zu

Der digitale Wandel verändert zurzeit mit einer unglaublichen Geschwindigkeit sämtliche Wertschöpfungsprozesse in unserer Wirtschaft. Er macht dabei vor keiner Branche mehr halt und löst gleichzeitig klassische Branchengrenzen auf, indem neue digital gesteuerte Netzwerke und Allianzen entstehen. Lediglich der Zeitpunkt der digitalen Transformation ist unterschiedlich. Während sich beispielsweise die Musikbranche bereits sehr deutlich in die digitale Welt hinein verlagert hat, ist der stationäre Handel gerade mittel im Wandel. Und das typische B2B-Unternehmen im Mittelstand wird durch das Internet der Dinge (IoT) in das digitale Zeitalter quasi hinein katapultiert.

Das mittelständische Unternehmen muss auf der entstehenden Digitalisierungswelle zumindest schwimmen lernen – sonst wird es untergehen. Junge Start-up Unternehmen oder aber auch Mittelstandsunternehmen, die gerade einen Generationswechsel in der Führungsspitze erlebt habe, surfen immer sicherer auf der Digitalisierungswelle, während viele traditionell aufgestellte Mittelständler noch dabei sind, ihr Seepferdchen zu erwerben oder sich frei zu schwimmen.

Zeit als neuer Wettbewerbs-Parameter

In Zukunft zählen nicht nur Qualität und Kosten als wettbewerbsrelevante Faktoren. Mehr und mehr wird die Geschwindigkeit der Anpassung an den digitalen Wandel entscheidend. Die Zeit wird zum neuen Wettbewerbs-Parameter. Denn der Mittelstand ist bereits in den Ozean der Digitalisierung eingetaucht. Abwarten ist gleich bedeutend mit untergehen. Zeit zum Handeln ist jetzt.

Weiterführende Links:

Simmet, Heike, Verschenkte Chancen, in: Social Media in kleinen und mittelständischen Unternehmen, in: https://hsimmet.com/2012/04/09/verschenkte-chancen-social-media-in-kleinen-und-mittelstandischen-unternehmen/

Bildnachweis: istockphoto

Über Heike Simmet

Prof. Dr. Heike Simmet Hochschule Bremerhaven https://plus.google.com/+HeikeSimmet
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2 Antworten zu Mittelstand: Auf der Digitalisierungswelle surfen, schwimmen oder untergehen

  1. Hagen schreibt:

    Vielen Aspekten kann uneingeschränkt zugestimmt werden. Dies hat auch ein Besuch einer sehr interessanten Veranstaltung für den Mittelstand bestätigt. Ds Problem bei vielen ist nicht mehr, die Erkenntnis das da etwas auf sie zurollt, die Frage die viele umgibt, ist wie sich diese Chancen auch wirklich nutzen lassen. Da klafft meines Erachtens nach noch eine große Lücke, die richtigen Instrumente zu identifizieren, die dem eigenen Geschäftsmodell die Potentiale der Digitalisierung eröffnen.

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  2. Pingback: INJELEA-Lesenswertes 20. Juli 2014 - INJELEA Blog

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